24 Feb 2020

Die Komfortzone erweitern

Es gibt Menschen, die springen mit Fallschirmen aus Flugzeugen, klettern ungesichert Steilwände hoch oder halten Keynotes vor Hunderten von Zuhörern. Kennen die überhaupt so etwas wie eine Komfortzone? Lampenfieber vielleicht… Ich gehöre eher zur Sorte Mensch, die ihre Komfortzone nur ungern verlassen. Denn für mich als früh aus dem Schutznest Geworfene bedeutet sie vor allem eins: Sicherheit. Sich sicher fühlen ist so wichtig wie essen und schlafen.

Komfortzonen sind dynamische Schutzräume, die sich über Rückkopplungen mit dem autonomen Nervensystem in uns aufspannen: Ist es hier sicher? Fühl ich mich mit diesen Menschen wohl? Kann ich das? Manchmal lösen schon kleine Irritationen Unruhe aus. Die Komfortzone gleicht dann eher einem Schneckenhäuschen. Dort ist es zwar sicher, aber auch eng und nicht besonders abwechslungsreich. Um beim Bild der Schnecke zu bleiben: Bevor sie sich wieder rauswagt, streckt sie erst mal behutsam die Fühler aus und schaut, ob die Luft rein ist.

Warum ich das erzähle? Weil ich Menschen wie mich ermutigen möchte, ihre Komfortzone zu erweitern. Ich sage bewusst erweitern und nicht verlassen. Dazu brauchts weder einen Fallschirm noch ein Mikrofon. Nur den eigenen Atem und unmittelbare Aufmerksamkeit. Das geht zum Beispiel so: Der Einatem streckt seine Fühler aus und schaut, wie weit und in welche Richtungen er sich ausdehnen kann. Den Ausatem drängt es nicht zurück, er lässt sich Zeit. Kontinuierlich geübt, verändert das den frei fliessenden Atem: Er bekommt mehr Weite und Tiefe – ein grösseres Schneckenhaus sozusagen.

Wer sich damit sicher fühlt, traut sich weiter vor: Die Atempause am Ende des Einatems halten … und ausatmen, nichts passiert! Noch etwas länger halten … erleichtert ausatmen, wieder nichts passiert. Fühl ich mich sicher, probier ich das Gleiche in der Atemleere. Das ist dann schon so, als würde man über eine Hängebrücke laufen. Zum Glück gibt’s ein paar Atemtricks wie beim Apnoetauchern. Mit der Zeit kann ich lange «unten» bleiben und fühl mich dabei wie ein Fisch im Wasser.

Die Komfortzone ist kein klar umgrenzter statischer Raum. Vielmehr ist es die Fähigkeit, sich selbst zu regulieren. Der Atem ist das Tool dazu. Wer auf seine Selbstregulation vertrauen kann, wagt auch mal einen Handstand, läuft über eine Hängebrücke oder fliegt (nicht aus einem Flugzeug, aber immerhin).