20 Jan 2017

Die Kunst des Dranbleibens

1000 Leute haben den Film zum Handstand-Challenge-Finale angeklickt, 100 haben auf Facebook gratuliert, kommentiert und gelikt. Was löst das bei uns aus und warum fiebern so viele mit?

«Nach dem Handstand ist vor dem Handstand». Ein klares Statement von Christophe Truchet Ende Dezember 2016. Die Challenge hat er gemeistert: Für fünf Sekunden gelang ihm der frei stehende Handstand. Wohlgemerkt mit zwölf Kilogramm weniger auf den Rippen. Trotzdem oder gerade deshalb macht er weiter. Nächstes Ziel: Zum Sommeranfang 20 Sekunden im Handstand stehen. Bis Ende 2017 will er sich aus der Hocke hochstossen statt die Beine hochschwingen.

Damit ist Christophe für viele zum Vorbild geworden. Sicherlich, weil er und die Challenge absolut authentisch sind. Kein Photoshop, keine fingierte Erfolgsstory. Wie hat er das hingekriegt? «Ein ganz wichtiges Element waren die Coachings. Ich bin nicht sicher, ob ichs ohne die durchgezogen hätte.» Natürlich habe ich als Yogacoach in meiner Toolbox ein paar Tricks, wie der Körper sich fit macht, um auf den Händen zu stehen. Aber das war nicht die Hauptsache. Das, was wir am intensivsten trainiert haben, kommt ganz leise und bescheiden daher und heisst in den Yogasutren «abhyasa»: beharrlich, über einen längeren Zeitraum und mit ganzem Herzen üben.

Beharrlich ist nicht unbedingt behaglich: Nieselregen, schlecht geschlafen, straffe Agenda. Egal. Christophe läuft im Trainer runter zum See, rollt seine Matte aus, trainiert, sitzt still, nach einer halben Stunde gehts ab unter die Dusche und dann in ein Meeting. Jeden Tag dasselbe Ritual. Denn jeder Tag ist ein guter Tag zum Üben. Dennoch gabs 2016 Rückschläge. Wie wir alle wissen, meist aus gutem Grund: Grippe, Hexenschuss, sein geliebter Hund gestorben. Was nützt da ein noch so ausgefeiltes Trainingsprogramm?

Entscheidend ist, wieder zurückzufinden in die Spur. Wie das geht? Ego beiseite lassen. Mich selber und all die Geschehnisse um mich herum nicht so wichtig nehmen. Klar, fühle ich mich saft- und kraftlos nach einer Grippe. Trotzdem kann ich die Matte ausrollen und sanft üben. Logisch, mag ich nicht trainieren, wenn ich traurig bin. Dann erst recht die Matte ausrollen. Für diese innere Haltung gibt es ein wunderbares Wort: Gleichmut. Was ja eigentlich bedeutet: den Mut haben, immer wieder das Gleiche zu tun.

In uns allen steckt so viel Potenzial. Doch nur, wenn wir dranbleiben. Das möchte ich allen Handstandanwärtern ans Herz legen. Aber auch all jenen, die auf der Suche sind nach Veränderung, Dazu passt das Bild, das Christophe am 14. Januar postete: am See im Handstand – mit Daunenjacke und Mütze, die Hände im Schnee vergraben. Bei dem Anblick bekam ich Augenwasser.