09 Jun 2017

Faszi(e)nation I

Yoga tut das, was viele Tiere von Natur aus tun: dafür sorgen, dass die «innere Haut» elastisch und geschmeidig bleibt. Zum Glück sind nun auch Wissenschaftler daran, das Geheimnis unseres Bindegewebes zu lüften. Mein Kurzfutter schlägt eine Brücke zwischen wissenschaftlicher Theorie und unmittelbarer Erfahrung.

PARADIGMENWECHSEL: Wer erinnert sich noch an den Anatomieunterricht in der Schule? Da gings ums Skelett, um Muskeln, Gelenke, Haut und Organe. Bindegewebe? Galt wie beim Metzger als Verpackungsmaterial und war damit Nebensache. Carla Stecco, Anatomieprofessorin an der Universität Padua, hat vor kurzem den ersten Bindegewebeatlas in der Geschichte der Medizin herausgegeben. Womöglich tritt sie damit in die Fussstapfen von Galileo Galilei, der vor gut vierhundert Jahren am selben Ort die Erde aus dem Zentrum der Welt rückte.

BAND DES LEBENS: Es stellt sich nämlich heraus, dass unter unserer Haut noch eine zweite Haut existiert, die einen Fünftel unseres Körpergewichts ausmacht. Sie umhüllt Organe und Muskeln wie die Häutchen einer Zitrusfrucht und bildet selber Zugseile stark wie Stahl. Würden wir alles aus unserem Körper entfernen bis aufs Bindegewebe, hätten wir vor uns einen Körper im Körper. Solange belebt und gesund, bliebe diese filigrane Hülle aufgespannt. Umgekehrt, also mit allem drin ausser dem Bindegewebe, würden wir vermutlich in uns zusammenfallen.

MATRIX RELOADED: Unsere Faszien sind eine Art Twitterdienst: In einem Ozean aus Fäden, die an rohes Eiweiss erinnern, schwimmen Sensoren, Transmitter und Dreiviertel unserer freien Nervenenden. Die tauschen permanent und in rasanter Geschwindigkeit Botschaften aus: Wohlgefühl hier, Schmerz da, Gelenk gebeugt, Muskel aktiv, Blase voll, Lunge leer. Was für ein wundersames Wesen wir sind. Noch wundersamer allerdings ist, dass viele ihren eigenen Twitterdienst gar nicht abonniert haben.

USE IT OR LOSE IT: «Wer sich nicht bewegt, verklebt», sagt Dr. Robert Schleip, ein bekannter deutscher Faszienspezialist. Das fühlt sich dann so an wie Yoga in einem zu engen Taucheranzug. Oder wie ein zu heiss gewaschener Wollpullover. Das Gewebe wird nicht nur filzig und steif, es beginnt zu verwachsen wie Dickicht im Urwald. Irgendwann ist kein Durchkommen mehr. Nicht nur Bewegungsmangel, auch Stress geht uns buchstäblich unter die Haut und verfilzt unser Gewebe. Man stelle sich die eigenen Lungen oder das Herz vor wie einen Cervelat in einer Cipollatahülle.

AUA! Bei uns ist so viel Bewegung im Kopf, dass uns der limitierte Bewegungsradius im Körper kaum tangiert. Bis es wehtut: Kopf- oder Kreuzschmerzen, Frozen shoulder oder Fersensporn schränken uns im Alltag massiv ein. Oft setzt erst der Schmerz den Twitterdienst in Gang. Doch er sendet dummerweise immer die gleichen Nachrichten: bewegen, aua! Das führt zu Schonhaltungen und Versteifung. Weil alles miteinander vernetzt ist, zeigt sich der Schmerz oft nicht mal am Ursprungsort: Die überbeanspruchte Digitalhand kann Kopfschmerzen verursachen, die strapazierte Achillessehne den Fersensporn, die vom Rundrücken versteifte Lendenfaszie den Hexenschuss.

LEIBLICHES WOHL: Darunter verstehen wir gemeinhin gut essen und trinken. Doch mindestens so wichtig ist, dass wir unseren Faszien Spielraum und Impulse geben und sie so geschmeidig und elastisch halten. Wenn wir Katzen zuschauen, wie sie sich instinktiv von den Pfoten bis zur Schwanzspitze strecken und räkeln, merken wir: Das fühlt sich einfach gut an! Wenn wir Kinder beobachten, wie sie herumtoben, hüpfen vor Freude, sich umarmen und immer neue Mutproben wagen, beschleicht uns da nicht eine gewisse Wehmut, weil wir das meiste nicht mehr tun? Dabei ist es keine Frage der Spezies oder des Alters, sondern einzig der eigenen Entschlossenheit. Ich liebe meine inneren Wohlräume!

Faszi(e)nation Teil II: Wie gebe ich meinen Faszien mehr Spielraum und ist der altbekannte Muskelkater vielleicht ein Faszienkater?

Film: In Ermangelung einer Body Cam Faszien gedoubelt von caramelisierendem Zucker.