11 Dez 2017

Eine Tablette. Unterschiedliche Wirkungen.

Fragst du jemandem nach seinem Beruf und sie antwortet, Ärztin, dann ist alles klar. Weil wir eine klare Vorstellung davon haben, was Ärzte tun: Sie retten Leben, verlängern Leben, sie therapieren, sie heilen. Was tut Yoga?

Das wissen wir entweder, weil wir darüber etwas gehört, gelesen oder gesehen haben. Das nennt sich treffend Halbwissen. Oder wir wissen es aus eigener Erfahrung. Wie bei der Schulmedizin. Da reicht unsere Erfahrung zurück bis zur Geburt. Die Erste, die uns in den Händen hielt, war entweder eine Hebamme oder eine Ärztin. Dann kamen die Impfungen, die Kinderkrankheiten, vielleicht der erste Skiunfall. Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt, die Gynäkologin, der Urologe. Mitten in Karriere, Beruf und Familie der Hausarzt um die Ecke, der die Medikamente liefert, um nicht krank zu werden, nicht einzuschlafen, besser zu schlafen, zu stuhlen und glücklich zu werden. Worte bekommen so in unserem Leben einen Beiklang oder eine Konnotation: Wir verbinden mit ihnen Lebenserinnerungen, Vorstellungen und Werte.

In meinen Unterricht kommen Menschen, die seit zehn bis zwanzig Jahren Yoga praktizieren. Bei ihnen löst das Wort Yoga eine gedankliche Verkettung aus. Weil es ein Erfahrungswert ist: «Eine Freude und ein Anker in meinem Leben.» – «Geht mir so gut damit. Ich merke sofort, wenn ich’s ausfallen lasse.» – «Ist meine Toolbox im Alltag.» – «Seit ich regelmässig Yoga mache, sind meine Rückenschmerzen weg.»

Nun wird ja Yoga, wie die gesamte Alternativmedizin, gern mit der Schulmedizin verglichen. Was kann das eine, was das andre nicht kann? Gute Frage, aber falsch herum gestellt. Die richtige Frage lautet: Wie muss ich was nutzen, damit es mir Nutzen bringt? Wenn mir etwas wehtut, geh ich zum Arzt. Wenn es nicht mehr wehtut, brauch ich nicht mehr hinzugehn – bis zum nächsten Wehwehchen. Der Ansatz von Yoga: Ich gehe hin, ob es wehtut oder nicht.

Irgendwann wirkt es. Aber nicht bei allen gleich. Also nicht wie Ponstan gleich Schmerzen weg. Yoga bringt uns dort Nutzen, wo wir ihn brauchen. Quasi eine Tablette, unterschiedliche Wirkungen. Das macht übrigens nicht nur die Yogaschüler glücklich, sondern auch die Lehrerin. Ich kriege immer wieder Augenwasser, wenn ich sehe, dass es wirkt.