18 Mrz 2017

Om ergo sum

Ein Eindruck zieht sich wie ein roter Faden durch meine erste Indienreise: das Wissen, wie limitierend unser Ego ist. Gut, um Probleme zu lösen. Aber ungeeignet, um die grossen Fragen zu beantworten. Und gänzlich ungeeignet, um zufrieden zu leben und zu sterben.

In Sachen Spiritualität sind die Inder wahre Meister von Special Effects und Branding. Die Tempelzeremonie versetzte mich in einen Rauschzustand. Die Aula im Ashram war eine Mischung aus Flugzeughangar und Hall of Fame. Die Musik spielte eine Orchestermaschine à la Tinguely. Es wird angebetet, was das Zeug hält. Nicht ein Gott, sondern so viele Manifestationen des Göttlichen, wie es menschliche Charaktere und Vorlieben gibt. Die Kraft, ja schon beinahe Dominanz, die das ausstrahlt, hat mich beeindruckt. Egal, ob vierköpfig oder mit Elefantenkopf, ob blau, rot oder bunt, ob Lingam oder Yoni, der Tenor ist derselbe: Vergiss nicht, wo du herkommst. Verlier dich nicht in der Welt.

Die andre Seite der Medaille kennen wir: Viele verlieren sich zwar nicht draussen in der Welt, dafür in der Verzückung für einen Meister. Spätestens da driftet es für uns ab ins Lächerliche. Also alles doch Nonsens? Für mich keineswegs. Es dreht sich doch am Ende des Tages um die fundamentalen Fragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wer bin ich? Was soll das Ganze? Und wer oder was stillt meine Sehnsucht? Wir sind Meister im Davonlaufen vor diesen Fragen. Das Mantra von Descartes bestimmt unsere Kultur noch heute: cogito ergo sum.

Experiment: Stehe längere Zeit und ganz bewusst auf dem Boden und begreife, dass nicht du das fertigbringst, sondern die Schwerkraft. Ohne sie wäre deine Stabilität dahin. Versuch dir im Schlaf bewusst zu machen, dass du atmest. Geht nicht. Wer atmet dann, wenn du schläfst? Begreifst du, dass da Kräfte wirken, gegen die – oder besser gesagt ohne die – du keine Chance hättest? Keine Chance, eine Haltung einzunehmen, keine Chance zu leben. Wer sich ganz auf diese Gedankenspiele einlässt, erlebt vielleicht, bäm!, einen magischen Moment: Plötzlich fällt alles ab. Als könnte ich mich hineinfallen lassen in eine grosse Umarmung.

Die Schwerkraft ist eine absolut verlässliche Grösse. Der Atem tut seinen Dienst rund um die Uhr, ein Leben lang. Die Sonne geht auf, jeden Morgen, auch am Sonntag. Alles sichere Werte, viel sicherer als Altersvorsorge und Internetverbindung. Wie wunderbar ist das denn? Nicht ständig weibeln, wieseln, wirken müssen. Sondern einfach mal still sein und zugucken, wie das Leben wirkt. Om ergo sum.