11 Mai 2018

Rilke hatte Recht

Geschafft – Diplomarbeit eingereicht! Die Krönung meines vierjährigen Studiums an der Yogakademie von Doris Echlin. Rilke hatte Recht: «Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, in die Antworten hinein.»

5 Monate, 24 Fragen, 53 Quellen, 120 Seiten. Dazu literweise Kaffee, Ingwertee, Kopfstände, Saunaschweiss und Frustationstränen. An die 200 Sanskritwörter habe ich mit diakritischen Zeichen verziert, hunderte von Postits geklebt und mich in meinen Leuchtstift verliebt.

Den bunt verwobenen Yogateppich hab ich vor mir ausgebreitet, mich an Themen gerieben, bis sie und ich poliert waren, mein Gehirn ausgepresst wie eine Ölfrucht und versucht, den allerfeinsten Spuren zu folgen, die der Atem legt. Hab mir vorgestellt, wie Mahāvīra es vor 2500 Jahren geschafft hat, gewaltfrei zu leben. Habe śiva und śakti beim Liebesspiel zugesehen und bin so vielen Gestaltungsformen des Göttlichen begegnet, wie es menschliche Facetten gibt.

Kurz vorm Stichtag hatte der Drucksalon zwei ringgebundene Exemplare von L9_LvB_DIPLOMARBEIT.pdf für mich parat. Statt zur Post bin ich noch mal heimgeradelt, habe mich ans Feuer gesetzt und genüsslich, Seite für Seite, meine eigene Arbeit gelesen.

Und jetzt? Zieht es mich hin zum Unbeschrifteten, «wo alle Laute weichen, die Vernunft nicht mehr Raum hat und der Verstand nicht eindringt.»*

*Zitat von Mahāvīra, Jain und Zeitgenosse von Gautama Buddha. Er war überzeugt, dass Gewaltlosigkeit und Loslösung uns glücklicher machen.